Queer an der Havel
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Jan - Stammtischmitglied berichtet seine Erfahrungen
(Redaktion Tobias) online gestellt: 20. April 2009 19:40Uhr



Wie war es denn beim letzten Stammtisch? Diese und weitere Fragen bekomme ich immer wieder gestellt, wenn der wohl schönste Freitag im Monat vorbei ist. Wer so durch GR surft und sich auch mal das ein oder andere Profil – auch von den Stammtischlern - etwas genauer anschaut, wird sich fragen: Aber… warum gerade der (Oder werden diese Fragen auch an andere gestellt, und wenn ja – was antwortet ihr darauf?).

 
Die meisten Profile sind gespickt mit Angaben, die zu beachten für jeden als Mindestmaß für Akzeptanz und Toleranz gelten sollten, eine dieser Angaben ist die geliebt-gehasste Altersgrenze. Demnach gehöre ich nun schon zum Club der „Greisen“, die inzwischen ihre Tage rückwärts zählen, aber das nur am Rande.
 
Das (und nicht nur das) hat mir letztlich doch ganz schöne Bauchschmerzen bereitet – und wer meinen Bauch schon mal gesehen hat, weiß, wie groß die werden können. Ein Schwul-lesbischer Stammtisch in meiner Heimat, das war damals – 2006 – für mich schon etwas Besonderes. Davon erfahren habe ich über den nicht ganz so weiten Umweg Berlin – da fand ich in einem Cafe Informationsblätter von und über Gayromeo. Wie das fast immer so läuft – eingesteckt und dann doch wieder vergessen, bis zum Tasche ausräumen.
 
Die blauen Seiten sollten es also sein, na gut. Nach ein paar Tagen dann doch dort angemeldet, einige wenige Infos preisgegeben und – erstaunlicherweise – schon kurze Zeit später ein erster Kontakt. Nein, nicht aus Brandenburg, sondern aus Berlin. Dieser ist inzwischen zwar fast zum erliegen gekommen, aber letztlich dafür verantwortlich, dass ich GR bis heute treu geblieben bin. Kaum vorzustellen, was passiert wäre, wenn der erste Kontakt so vollkommen unangenehm gewesen wäre, mein Profil wäre kurz darauf verschwunden und das wäre es dann gewesen.
 
Dieser erste Kontakt gab mir dann auch den Rat, mal nach Clubs in Brandenburg und Umgebung zu schauen, weil es in den kleineren Orten seiner Meinung nach nicht so anonym und schnelllebig zugeht, wie in der Großstadt. Kurzerhand hat er mir nahegelegt, mal den Stammtisch-BRB etwas genauer anzuschauen, soweit das als Nichtmitglied überhaupt möglich ist. Ich wusste nicht so genau, was ich davon halten sollte – ich Mitglied in einem Club, umgeben von Männern, die andere Männer kennenlernen wollten – aber eben nur bis 30 Jahre oder so… Wie oben beschrieben sind solche „Vorgaben“ für mich zunächst mal bindend, also hab ich weder die Mitglieder persönlich angeschrieben, noch irgendwie versucht, etwas über den Stammtisch rauszukriegen, die Sache blieb also erst einmal „liegen“. Dann gab es eine Info, die mich veranlasste, doch Clubmitglied zu werden. Es kursierte das „Gerücht“, dass es ein Stammtischtreffen geben würde, einmal im Monat. So etwas macht neugierig und das führte eben doch zur Clubanmeldung.
 
Im Forum stand „Jeden dritten Freitag ab 20:00 Uhr“ – Freitags, 20:00 Uhr das war doch ein Geschenk. Erste zaghafte Anfragen haben das dann auch bestätigt, „Ja: Freitag 20:00 Uhr, das nächste mal also am 20. Oktober. Und jeder ist willkommen“. Jeder ist willkommen? Fast das Rentenalter erreicht, keine Modellmaße, kein Six-Pack, sondern ein „richtiger“ Bauch, die ersten lichten Stellen auf den Hinterkopf, sonst fast alles junge Typen, höchstens Mitte 20 – und ich sollte da mittendrin und vor allem „willkommen“ sein? Schon komisch, was einem so alles durch den Kopf geht. Ich hatte aber bereits zugesagt – also gab es auch kein zurück mehr, Zusagen halte ich grundsätzlich ein, nur Krankheit oder schlimmeres hindern mich daran. Gehste eben hin und schaust dir das mal in aller Ruhe an. Im schlimmsten Fall wird es halt ein „One-Evening-Stand“ – so dachte ich mir.
 
Fast pünktlich kam ich dann an, und dank der ersten Kontakte mit Tobi und Chris war der richtige Tisch auch schnell gefunden. Und dann saß ich da – inmitten der kleinen, großen Runde. Die Begrüßung kurz und knapp, mein Name und das war es. Danach hab ich einfach nur zugehört, was da so alles erzählt wurde. Was für mich das besondere an diesem Stammtisch war? Alle haben gemerkt, dass ich nicht viel von mir erzählen möchte, alle haben das so akzeptiert. Keine „lästigen“ Fragen, kein Drängen – von niemandem. Für den ein oder anderen klingt das jetzt so nach „Mittendrin aber nicht dabei“, aber so war es nicht. Obwohl ich nichts von mir preisgegeben habe (außer meinen Namen) hatte ich jederzeit das Gefühl, dass ich einer von den vielen bin. Eben nichts besonderes, das wollte und will ich auch nicht sein aber eben doch irgendwie dabei und akzeptiert.
 
Beweise gefordert? Bitte sehr: Im Anschluss ging es noch ins Manhattan. Ich habe mich artig verabschiedet und war schon auf den Weg nach Hause, als ich gefragt wurde, ob ich denn nicht mitfahren wolle. Ich und mitfahren? Auf zum Seniorentanz? Nicht wirklich – oder??? Doch, das war so gemeint. Und eine nette Einladung ablehnen? So etwas macht man nicht!
 
Und was soll ich so im Nachhinein sagen? Das war das gescheiteste, was ich machen konnte, auch wenn mir noch nicht ganz klar war, ob es sich beim Oktoberstammtisch um „Normalität“ handelt. Das konnten erst die folgenden Stammtische wirklich aufklären. Was dann folgte waren einige schöne Foreneinträge, die Einladung zum Novemberstammtisch und schließlich das kleine aber feine Treffen. Zwar zahlenmäßig mit geringer Besetzung (ich glaube, das war der kleinste Stammtisch, mit 4 Leuten) aber dennoch äußerst angenehm – oder gerade deshalb? Ich wusste es nicht.
 
Nach den ersten beiden Stammtischen war immer noch nicht ganz klar, ob es das ist, worauf ich mich künftig jeden Monat freue. Was wirklich gut ist, merken wir ja oft erst, wenn es auf einmal nicht mehr da ist. So geschehen mit dem Dezemberstammtisch – verschoben ins neue Jahr, also bis zum nächsten Jahr ohne auskommen. Na ja, waren ja nur 4 Wochen, wird schon irgendwie gehen, ging ja vorher jahrelang ohne – dachte ich jedenfalls. Pünktlich am dritten Dezemberfreitag (es war der 15.12. glaub ich) dann doch so etwas wie „Entzug“. Wenn mir das jemand vorher gesagt hätte – für verrückt hätte ich den erklärt. Nach 2 Stammtischen schon „Suchtverhalten“ – das geht gar nicht. Außerdem weiß ich von den anderen kaum mehr als deren Namen Na gut: Die Stammtisch-WG war mir inzwischen auch ein Begriff und auch was der ein oder andere beruflich so treibt. Damit wusste ich von denen mehr, als die von mir, denn so wirklich etwas erzählt hatte ich bis dato ja nicht. Aber reicht das auch wirklich aus, um „süchtig“ nach den Stammtischtreffen zu werden – oder war das alles „nur“ die Suche nach etwas Ablenkung im sonst freizeitmäßig eher langweiligen Alltag?
 
Eines stand am 15.12.2006 jedenfalls fest: Die Stammtischler würden mich nicht mehr loswerden, es sei denn, die erklären mich zur „unerwünschten“ Person. Das müsste ich dann akzeptieren und dann wäre der Ausflug „Stammtisch-BRB“ eben beendet. Weil das aber nicht passierte(zumindest hat keiner was gesagt) wurde der Stammtisch das, was er bis heute ist: Mein monatliches Freizeitevent.
 
In den Jahren 2007 und 2008 ist viel passiert. Der Stammtisch hat sich etabliert. Die, die neu dazukommen, kommen in aller Regel wieder. Wir haben gestritten, gefeiert, gelacht und manchmal auch einfach nur „abgewunken“. Wir haben ein schönes „Zuhause“ gefunden. Und wenn ich an dieser Stelle sage: „Wir“ – dann heißt das nur, dass ich angekommen bin – beim Stammtisch in Brandenburg…
 
Aus den „fremden“ Stammtischlern wurden irgendwie Vertraute. Vertrauen heißt, zuhören, wenn jemand einen Zuhörer braucht; einen Rat geben, wenn man um Rat gefragt wird; schweigen, wenn schweigen angebracht ist; sich vielleicht auch mal „einmischen“ und Partei ergreifen, wenn das erforderlich ist; trösten, wenn jemand traurig ist… Und auch umgekehrt: einen Rat suchen, wenn man allein nicht mehr weiter weiß; ….
 
Von wirklich „Kennen“ will ich nicht reden. Wenn man jemanden nicht „kennt“, kann das auch kein „Bekannter“ sein, das ist aber die Voraussetzung für Freundschaften. Ob wir also inzwischen wirklich „Freunde“ sind… – das wäre etwas zu viel Philosophie, also lassen wir das an dieser Stelle.
 
Wenn ich so die letzten zweieinhalb Jahre zurückschaue, könnte ich fast wieder an Wunder glauben. Ich will jeden einzelnen von euch nicht mehr missen, auch wenn das alles ein wenig verwirrend klingen mag. Deshalb bleibt am Ende nur:
 
DANKE… ES IST SCHÖN, DASS ES EUCH GIBT
 
Und an alle Zweifler: Vergewissert euch, dann haben die Zweifel ein Ende.





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